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Eschweiler Nachrichten 09.02.2012

Eschweiler. Die im Jahre 2009 zwischen dem Landschaftsverband Rheinland sowie der Caritas-Behindertenwerk GmbH geschlossene Zielvereinbarung sieht vor, vor allem den Übergang der Mitarbeiter aus der Werkstatt auf den Allgemeinen Arbeitsmarkt zu fördern und zu forcieren.

Ein hoch gestecktes Ziel, zeigt die Erfahrung des Alltags doch, dass heutzutage zahlreiche junge Menschen als «nicht ausbildungsfähig» angesehen werden müssen. Dies gilt nicht nur für Personen mit einer geistigen Behinderung, sondern in zunehmenden Maße auch für Menschen, deren emotionale Entwicklung und soziale Kompetenz unzureichend sind. «Wir sprechen bei dieser Gruppe von Menschen mit herausforderndem Verhalten», erklärt Fredi Gärtner, Leitung Sozialer Dienst und Fachberater Berufliche Bildung der Caritas-Behindertenwerk GmbH.

Um sich auch diesen Werkstattmitarbeitern intensivst widmen zu können, wurde vor rund zwei Jahren eine sogenannte «Service-Gruppe» ins Leben gerufen, in der sich die Bezugsbetreuer Jasmin Jörres und Leonhard Hammes um bis zu acht Jugendliche kümmern. «Auch hier lautet unser Ziel, die Gruppenmitglieder in den Arbeitsbereich zu platzieren. Doch zunächst sollen sie einmal ankommen, eine Beziehung zu den Betreuern aufbauen. Im Vordergrund steht eindeutig die Verbesserung der sozialen Kompetenz», so Ferdi Gärtner, dem bewusst ist, dass die gesellschaftliche Entwicklung ein weiteres Problem mit sich bringt. «Wir treffen immer häufiger auf Menschen mit einer psychischen Behinderung.»

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 1997 mit sieben Personen in Röhe gestartet, werden inzwischen im Werk 4 in Weisweiler 100 Menschen mit einer psychischen Behinderung betreut. Um den steigenden Bedarf abdecken zu können, wurde nun vor wenigen Wochen das Werk 4a in Herzogenrath-Kohlscheid eröffnet, in dem momentan 50 Mitarbeiter der GmbH beschäftigt sind. «Unsere Klienten leiden unter anderem unter Depressionen, Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen wie Zwängen oder Phobien», macht Betriebsleiterin Liliane Siebert deutlich. Und: Viele von ihnen haben bereits eine berufliche Karriere hinter sich, wurden aber durch private oder berufliche Schicksalsschläge aus der Bahn geworfen.

«Wir betreuen Akademiker, aber auch Handwerker, die viele Fähigkeiten mitbringen, aus bestimmten Gründen aber derzeit nicht für den allgemeinen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen», ergänzt Nicole Bongartz, Mitarbeiterin Sozialer Dienst.

Ist die Anmeldung in der Werkstatt erfolgt, geht es zunächst ins Erstkontaktgespräch, bei dem die Vorstellung des Klienten zu seinem weiteren Werdegang im Mittelpunkt steht. «Dann stellen wir unsere Arbeitsbereiche vor. Die entscheidende Frage lautet, welcher Beruf macht für den Patienten Sinn? Hat er zum Beispiel Mobbing-Erfahrungen machen müssen, kann es durchaus sein, dass wir uns in eine völlig andere Richtung als bisher orientieren», erläutert Nicole Bongartz.

Ein wichtiger Aspekt bei der Betreuung von Menschen mit psychischer Behinderung sei aber die Tatsache, dass nicht wenige von ihnen dazu neigten, sich zu überschätzten. «Deshalb ist eines der Module im Berufsbildungsbereich die Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit», betont Liliane Siebert.

Bietet die Caritas-Behindertenwerk GmbH den Menschen mit psychischer Behinderung einen strukturierten Tagesverlauf, leben die Klienten abseits des Arbeitsplatzes meistens in autarken Wohnformen, sei es alleine (mit geringfügiger Betreuung) oder in Wohngemeinschaften. Auch hier steht über allem das Ziel, den Klienten wieder in die Lage zu versetzen, am allgemeinen Arbeitsmarkt teilnehmen zu können.

«Manchmal dauert dies viele Jahre, manchmal geht es schneller», weiß Nicole Bongartz. Der Zeitraum von zwei Jahren, der für die berufliche Rehabilitationsmaßnahme vorgesehen ist, reicht allerdings nur in sehr seltenen Fällen aus. «Die Rückkehr in den beruflichen Alltag ist oft äußerst angstbesetzt», nennt die Mitarbeiterin Sozialer Dienst das Problem. «Aus diesem Grund brauchen wir Arbeitgeber als Partner, die bereit sind, sich darauf einzulassen, einen Menschen mit psychischer Behinderung einzustellen», weiß auch Fredi Gärtner um die Schwierigkeit. Und bleibt realistisch: «Eine Rückkehr in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis ist und bleibt die Ausnahme.»

Besser sieht es bei den sogenannten «betriebsintegrierten Arbeitsplätzen» aus. Hier bleibt der Klient Angestellter der Caritas-Behindertenwerk GmbH, arbeitet aber an einem anderen Arbeitsplatz. Dass der Bedarf an Betreuungsplätzen für Menschen mit psychischer Behinderung in Zukunft weiter steigen wird, liegt für Liliane Siebert, Nicole Bongartz und Fredi Gärtner auf der Hand. Deshalb dürfte der Ausbau des Werks 4a in Herzogenrath-Kohlscheid schon bald auf der Tagesordnung stehen.

Arbeitsangebote an Privat- und Großkunden

Die Arbeitsbereiche in den Werken 4 (Weisweiler) und 4a (Herzogenrath-Kohlscheid) sind Küche, Wäscherei (für Privat- und Großkunden), Industrienäherei, Gartengruppe (ebenso für Privat- und Großkunden), Montage und Verpackung, Elektromontage, Büro und Organisation, Lager und Logistik, Mediencenter sowie Einzelarbeitsplätze bei der Städteregion, im Kindergarten und im Krankenhaus.

 
 

Geilenkirchener Zeitung 05.02.2012

 

Geilenkirchen. Norbert Pobernik ist 53 Jahre alt und seit drei Jahrzehnten beim Caritas-Behindertenwerk in Eschweiler beschäftigt. Er wohnt zusammen mit Ehefrau und seinen beiden 20 und 22 Jahre alten Töchtern in Alsdorf. 

Seit zwei Wochen absolviert er ein vierwöchiges Praktikum in der Schreinerei von Hartwig Bardehewer in Geilenkirchen-Niederheid. Der Schreinermeister hat bisher gute Erfahrungen mit Menschen mit einer Behinderung gemacht, denn mit Noueddin Gannon arbeitete zuvor bereits ein 23-Jähriger aus der Werkstatt für Behinderte in seinem Betrieb. «In diesen eineinhalb Jahren hat Noueddin einiges gelernt und von hier mit genommen», blickt Bardehewer zurück.

Gannon hatte sich nach dem Praktikum entschlossen auch weiterhin in der Tischlerei zu arbeiten, bevor er sich dem Landschaftsbau zuwandte. Nun hat Fredi Gärtner, der Leiter Sozialer Dienste und Fachberater Berufliche Bildung der Caritas Behindertenwerk GmbH, dem Geilenkirchener Schreinermeister mit Norbert Pobernik einen Nachfolger vermittelt. «Wir wollen unseren Frauen und Männern Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt aufzeigen», sagt Fredi Gärtner. Der Einsatz in der Schreinerei könne über ein Praktikum hinausgehen und in einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz münden.

1064 Menschen betreut das Behindertenwerk aktuell, und schon viele wurden zwischenzeitlich in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis übernommen. Kostenträger für die Maßnahmen sind der LVR und die Agentur für Arbeit. Jeder Integration auf einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz ist zunächst ein Praktikum vorgeschaltet, und so weit hat es Norbert Pobernik geschafft. «Nach zwei Wochen habe ich ein gutes Gefühl», sagt der 53-Jährige mit Blick auf eine eventuelle weitere Beschäftigung bei Hartwig Bardehewer.

Für den Unternehmer sind Zuverlässigkeit, Fleiß und der Wille weiterzukommen die Voraussetzung für ein Beschäftigungsverhältnis. Die drei genannten Punkte hat er bei einigen Mitarbeitern oftmals vermisst, und deshalb ist er schließlich auf das Behindertenwerk zugegangen.

Bardehewer hat die Erfahrung gesammelt, dass die Männer vom Behindertenwerk weitaus engagierter und hoch motiviert an die Arbeit gehen. Hier hat ihn auch Norbert Pobernik nicht enttäuscht, der von Anfang an kräftig mit anpackt. Das Schleifen von Türen zählte zu den ersten Aufgabengebieten des 53-Jährigen und derzeit ist er mit der Überarbeitung eines Würfelparketts beschäftigt.

Hartwig Bardehewer erklärt dem Praktikanten die Handgriffe und sieht sofort, ob sich der Mitarbeiter eignet. Bei Pobernik entdeckt er keine Schwierigkeiten, denn der Alsdorfer ist sowieso handwerklich orientiert. Seit 20 Jahren fährt Norbert Pobernik Auto, die 17 Kilometer Strecke von Alsdorf sind für ihn überhaupt kein Problem.

Noch ist nicht klar, ob das Praktikum direkt in den betriebsintegrierten Arbeitsplatz übergeht. Doch die Chancen stehen gut für ihn, und wenn ihn sein Gefühl nicht trügt, wird er alsbald eine feste Anstellung bei Hartwig Bardehewer bekommen. «Die Behindertenwerkstatt kann sich dann rausklicken und der Integrationsfachdienst würde Norbert ein Jahr lang begleiten», erklärt Gärtner.

Wenn Pobernik die Arbeit bei Hartwig Bardehewer danach immer noch gefällt, wäre der 53-Jährige vollkommen unabhängig.

 

 
             
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